An den Rändern der Revolution – Marginalisierung und Emanzipation im globalen Revolutionszyklus 1917 bis 1923

Call for Papers für ein Schwerpunktheft von „Arbeit – Bewegung – Geschichte“

Revolutionen sind das Produkt eines Handelns breiter Bevölkerungskreise. Zu ihren wesentlichen Merkmalen gehören Basisbewegungen und spontane Aktionen. Ebenso prägen gesellschaftliche Aufbrüche und Experimente den Verlauf von Revolutionen   auch solche, in denen marginalisierte Gruppen ihre Rechte und Bedürfnisse einforderten. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach Gleichheit, nach einem Ende von Autokratie und Elitenherrschaft immer lauter. Doch nicht selten waren die an den Rand Gedrängten des Ancien Régime selbst eine Mehrheit, die andere verdrängte: Arbeiter dominierten Arbeiterinnen, Alteingesessene die Einwanderer, Mehrheiten die nationalen Minderheiten, eine intellektuelle Gegenelite die „zu befreienden“ Massen.

Das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit, von Herrschaft und Freiheit war daher ein zentraler Bestandteil der komplexen Entwicklungen in den Revolutionen von 1917 bis 1923. Es findet sich ein Wort von Friedrich Engels bestätigt: „…was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat“.

Es lohnt daher, zum 100. Jahrestag den Blick auf innere Widersprüche, verschüttete Aufbrüche und uneingelöste Versprechen im globalen Revolutionszyklus von 1917 bis 1923 zu lenken. Welche Rolle spielten marginalisierte Gruppen? Wer waren sie, welche Ziele verfolgten sie mit welchen Mitteln? Wie sahen Allianzen aus? Wie wurde das Verhältnis von Universalismus und Partikularinteressen diskutiert und praktisch angegangen? Gab es überhaupt Raum für Partikulares in Revolutionen, die sich auf eine universale Befreiung der Menschheit beriefen? Die Leitfrage ist: Auf welche Weise wurden Gruppen marginalisiert – in den Revolutionen selbst, aber auch in deren Erinnerung und Nachgeschichte?

Uns interessieren dabei sowohl soziale Gruppen wie Erwerbslose, nationale Minderheiten, LandarbeiterInnen, Ungelernte, Jugendliche und Frauen, als auch ausgegrenzte politische Bewegungen vom Rätekommunismus oder Anarchismus bis hin zur sowjetrussischen Arbeiteropposition und anderen „Abweichlern“. Auch theoretische Strömungen und Gesellschaftsentwürfe gehören in dieses Feld, etwa aus der Lebensreform, Frauenbewegung oder den künstlerischen Avantgarden. Schließlich lohnt sich die Frage nach den spezifischen Strategien und Praktiken: Welche Aktions- und Kommunikationsformen wurden gewählt? Worin bestanden ihre Mobilisierungspotenziale und Grenzen?

Mit Blick auf den 100. Jahrestag der russischen Revolutionen 2017 möchten wir im September 2017 ein Schwerpunktheft von Arbeit  – Bewegung  – Geschichte diesen Themen widmen. Methodisch soll das Heft verschiedene Teildisziplinen wie Politik- und Sozialgeschichte, Gender Studies, Lokal- und Globalgeschichte sowie Alltagsgeschichte in einen Austausch setzen. Neben den Revolutionen in Russland und Deutschland sind Beiträge aus anderen Ländern ausdrücklich erwünscht, ebenso überregional oder international vergleichende Arbeiten.

Wir bitten um die Einsendung von Exposés (maximal 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis 31. Mai 2016; die Aufsätze selbst (max. 40.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) müssen bis 31. Januar 2017 vorliegen. Rezensionen zu thematisch passenden Veröffentlichungen sind ebenso willkommen. Die entsprechenden Titel können bei der Redaktion angefragt oder ihr vorgeschlagen werden. Texte können in Deutsch und Englisch eingereicht werden, die Publikation erfolgt in deutscher Sprache. Einreichungen in anderen Sprachen sind nach Absprache unter Umständen möglich. Ausführliche Hinweise zur Textformatierung schicken wir Interessierten auf Anfrage gerne zu.

Kontakt: cfp[at]arbeiterbewegung-jahrbuch.de

Der call als PDF:  CfP Revolutionen

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