Jürgen Schmidt: Arbeit und Nicht-Arbeit im „Paradies der Südsee“ – Samoa um 1890 bis 1914

Der Begrif und die Bedeutung von Arbeit durchliefen in der Geschichte einen kontinuierlichen Transformationsprozess. Im Verlauf dieser Begrifsentwicklung ergaben sich zahlreiche divergente Setzungen: Last und Ausbeutung versus Erfüllung und Befriedigung, freie versus unfreie Arbeit, Arbeitsplatz versus Haushalt, Arbeit versus Freizeit, Arbeit versus Arbeitslosigkeit, Arbeitgeber versus Arbeitnehmer. In jüngerer Zeit wird Arbeit – und die begriliche Beschäftigung mit ihr – unter neuen Perspektiven betrachtet.
Drei Aspekte spielen dabei eine wichtige Rolle. Zum Ersten kritisieren Wissenschaftler den europäischen Blick auf Arbeit, Arbeiter und Arbeiterbewegungen mit seiner Überbetonung der Lohnarbeit und der Rolle des männlichen (Allein-)Ernährers der Familie. Andere Formen der Arbeit, etwa im Haushalt oder unbezahlte Arbeit, wurden unter dieser Prämisse marginalisiert. Zweitens wird betont, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit unschärfer sind als in dichotomen Zuschreibungen angenommen. Was machten – um ein wichtiges Beispiel für die Geschichte Samoas seit dem 18. Jahrhundert zu wählen – die europäischen „Entdecker“ und Weltreisenden? Entsprachen ihre Reisen einer Form von Arbeit oder waren sie – lässt man die oftmals unbequemen Reisebedingungen beiseite – eine Form von Freizeit, eine Flucht vor alltäglicher Routineund dem Eingebundensein in europäische Arbeitszwänge? Drittens werden vorherrschende europäische Perspektiven auf die Arbeit aus kolonial- und globalgeschichtlicher Perspektive kritisiert. Eine globale Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeiterklasse könne nicht geschrieben werden, wenn das Paradigma der freien Lohnarbeit und der Entwicklung einer marktorientierten Wirtschaft und Gesellschaft, in der Arbeiter ihren Lohn und ihre Arbeit frei und autonom aushandeln, vorherrsche. Vielmehr sei es nötig, unfreie Arbeit – Sklaverei, Schuldknechtschaft, Kontraktarbeit – in die Analyse zu integrieren. Diese verschiedenen Ansätze bilden den Rahmen dieses Beitrags über Arbeit und Nicht-Arbeit in Samoa im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Samoa wurde als Untersuchungsfeld ausgewählt, weil sich hier verschiedene Wahrnehmungen und Praktiken der Arbeit auf engstem Raum verdichteten. Daher beschreibt dieser Aufsatz nicht die Geschichte Samoas unter deutscher Herrschaft. Vielmehr analysiert er Diskurse und Vorstellungen der Arbeit, wie diese auf der Pazifikinsel beobachtet und ausgeführt wurde. Wie wurde Arbeit in dem speziellen Kontext Samoas wahrgenommen? Wie sahen die Beziehungen und Verbindungen zwischen spezifisch deutschen Arbeitsethiken und den Praktiken in Samoa aus?

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